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FACHEXKURSION INNENSTADT

Do, 22. September 2016
Wie belebt man eine Innenstadt? Hard Facts und subjektive Eindrücke von Waidhofen adY
Beitrag von Susanne Scherübl-Meitz
Am 20. September fand eine Fachexkursion des Netzwerks Innenstadt des Österreichischen Städtebundes nach Waidhofen an der Ybbs statt.

Ganz wesentlich für die Innenstadtentwicklung von Waidhofen/Ybbs ist das Bekenntnis „Unser Einkaufszentrum ist die Innenstadt“ und das Abwehren zahlreicher Investorenversuche, ein EKZ am Ortsrand zu errichten - zT auch nach bereits erfolgtem Grunderwerb durch einen Investor!

Die Gemeinde setzt bewusst Interventionen zur Ortskernbelebung:
- Die Gemeinde besitzt einzelne Stadthäuser und bespielt diese gezielt, zB Ärztezentrum, Galerie etc. als Frequenzbringer.
- Es wurde ein Wochenmarkt etabliert (Di und Fr Vormittag). Die Marktstandler wurden tlw. auf benachbarten Märkten persönlich angesprochen, eine Marktordnung regelt, dass zB keine Bekleidung verkauft werden darf. Wichtig ist die Integration von lokalen bzw. regionalen Produzenten.
- Waidhofen hat eine Art „Begegnungszone“, allerdings nicht nach STVO, da schmale Gehsteige bestehen.
- Die Stadt bekennt sich zu "Autos in die Stadt" mit der Begründung, die ländliche Bevölkerung sei das so gewohnt. Eine Problemzone ist die Fußgängerzone Freisingerberg (zw. Oberer und Unterer Stadtplatz).
- Es besteht ein Kindergarten in der Stadt - mit sämtlichen Ausnahmegenehmigungen, da eigentlich viel zu klein lt. NÖ Kindergartengesetz.
- Förderung der Neuansiedlung von Betrieben in der Innenstadt: 1. Jahr 3 €/m², 2. Jahr 2 €/m², 3. Jahr 1 €/m², gedeckelt mit Miete bis zu 11 €/m² (daher ortsüblicher Preis: 9-11 € m²)
- Der "Bürgermeistergarten" wurde zum "Bürgergarten" (Selbsterntegarten) umgewandelt.
- Es werden laufend Gespräche mit Hausbesitzern und Geschäftsleuten geführt.
- Offenes Rathaus, One-Stop-Shop als Statutarstadt (Gewerbebehörde, Meldewesen, Pässe etc.) im Erdgeschoss, ausgeweitete Öffnungszeiten.
- Ziel: +500 Einwohner im historischen Stadtkern, derzeit rd. 13 WE in Bau, Aufstockung, Ausbau, Umbau;

Die Gemeinde legt Wert auf Baukultur:
- Die gesamte Innenstadt (außer FUZO weil gerade neu mit Betonsteinen gepflastert) wurde in den 90er Jahren mit Natursteinen gepflastert. Die Entwässerung erfolgt seitdem zur Mitte hin anstatt zuvor durch eine plombierte Oberfläche. Daraus folgte eine starke Veränderung der Raumwirkung.
- Die Stadtgemeinde leistet sich einen Gestaltungsbeirat. Am Oberen Stadtplatz ist der Unterschied mit/ohne Gestaltungsbeirat sichtbar. Die übliche Verkaufsfläche eines filialisierten Bekleidungsgeschäftes wurde auf 3 Stadthäuser aufgeteilt (Men, Women, Kids).

Die Stadt hat wesentlich von der Landesausstellung 2007 profitiert (Schloss Rothschild von Bund gekauft, Nachnutzung Museum, Veranstaltungsraum, Tourismusinfo statt Forstfachschule, Steg über die Ybbs, 4 Stern Hotel mit Seminarräumen …).

Handlungsbedarf:
- Wenig Wohnungsangebot für junge Familien in der Stadt (fehlendes Angebot im Spektrum zwischen kleinen Starterwohnungen und Einfamilienhaus)
- Gastronomie: Es gibt drei traditionelle, innovative Kaffeehäuser als Frequenzbringer („In Waidhofen geht man auf einen Kaffee“). Das übrige Gastronomie-Angebot ist ausbaufähig.

Fazit:
Waidhofen an der Ybbs hat zu den anderen Städten, die nun versuchen, ihre Innenstadt (wieder) zu beleben, den entscheidenden Vorteil, dass sich die Stadt von Anfang an bewusst und konsequent gegen ein Einkaufszentrum am Stadtrand entschieden hat.
Zwar merkt man auch in Waidhofen, welch ungemein große Anstrengungen es erfordert, eine Innenstadt lebendig zu erhalten. Man sieht und spürt aber auch den Mehrwert im Vergleich zu einem blossen Einkaufszentrum: Die Innenstadt ist ein Ort zum Leben - mit allen Facetten.