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STADTENTWICKLUNG WIEN 1948

Mo, 29. Oktober 2018
Beitrag von L. Paula
Ein interessantes Plandokument ist kürzlich in unserer Bibliothek aufgetaucht: eine Plandarstellung zur Stadtentwicklung von Wien aus dem Jahr 1948, verfasst von Dr. Walter Strzygowski, gedruckt vom ehem. Geogr. Institut Ed. Hölzel, Wien.
Die zugehörige Publikation trägt den Titel: "Die städtebauliche Zukunft Wiens. Vorschläge für die künftige Gestaltung der Stadt", Wien 1948.

Die Karte (siehe untenstehende Abbildung) zeigt einige - zum Teil kühne - Ideen, nimmt aber auch schon heutige Entwicklungen vorweg. Die künftige Stadtentwicklung sollte vorrangig in verdichteter Form nördlich der Donau in "Räumen für Hochbauten der Zukunft" und im Süden bis nach Mödling in Form von "Räumen für geschlossene neue Gartensiedlungen" stattfinden. Die Idee der "gegliederten und aufgelockerten Stadt", die später auch Roland Rainer postulierte, ist hier unverkennbar.

Auch die vorgeschlagenen Verkehrswege zeugen von großräumigem Denken des Planverfassers: so sollten 3 gänzlich neue Bahnhöfe ("Westbahnhof" im Bereich des ehem. Nordwestbahnhofes, "Südostbahnhof" im heutigen Schweizergarten und "Nordbahnhof" im Bereich Zentrum Kagran) entstehen und das Eisenbahnnetz eher Nord-Süd ausgerichtet werden. Statt der Westbahn sollte die Franz-Josefs- und die Nordwestbahn nach Westen und Norden ausgebaut werden. Ein "Güterverkehrsring um Wien" im Nordosten und mit Einbeziehung der heutigen Vorortelinie war vorgesehen.

Im Raum Gerasdorf war das zentrale Flugfeld Wien-Nord angeordnet (der damals schon bestehende (Militär)Flugplatz Schwechat ist in der Karte interessanterweise nicht enthalten - möglicherweise ein Hinweis auf das vor 1948 anzusetzende Datum der Planung?).

Für das hochrangige Straßennetz ist lediglich im Süden eine "Autobahn London - Istanbul" vorgesehen, die im wesentlichen den Trassen der heutigen A 21 im Wienerwald, der S 1 und der A 4 entspricht.

Aber auch die vorgesehene flächenmäßige Ausdehnung der Stadt Wien war größer als heute. Die "vorgeschlagene neue Stadtgrenze" verzichtet auf einige der in nationalsozialistischer Zeit eingemeindeten Gebiete, geht aber dennoch deutlich über das heutige Stadtgebiet hinaus.

Ein kleines Detail zeigt, daß zentrale Grundideen dieses Stadtentwicklungsplanes nicht aus dem Jahr 1948 stammen können, sondern auf einem Vorläufer aufbauen müssen: so ist z.B. das stadtnahe Zentrum der Lepoldstadt für ein unbebautes, grünes "Stadtforum" vorgesehen ...

Eine Literaturrecherche hilft weiter: W. Strzygowski, "Vorschläge für die zukünftige Gestaltung Wiens", in: Nachrichtenblatt des Vereins für Geschichte der Stadt Wien (1939).

Wer war nun Walter Strzygowski (1908 - 1970)?

Er studierte Geographie und beschäftigte sich während des Krieges als Mitarbeiter der Universität Wien vorrangig mit Raumforschung und einschlägiger Landesplanung. 1949 - 1955 im Verlag Freytag&Berndt; ab 1955 o.Univ.-Prof. am Institut für Geographie, ab 1958 Vorstand des Wr. Institutes für Raumordnung an der Hochschule für Welthandel (heute WU). Begraben in einem Ehrengrab der Stadt Wien.

So weit hat es nach ihm kein Landesplaner mehr gebracht ...

JPEG-Bild Stadtentwicklung 1948