Land.In.Sicht
Büro Dr. Paula
Zurück

50 JAHRE RAUMPLANUNGSSTUDIUM TU WIEN

Do, 26. November 2020
Ein Bericht über den Anfang
Beitrag von L. Paula
Im Wintersemester 1970/71 wurde an der damaligen Technischen Hochschule (TH) Wien die neue Studienrichtung Raumplanung und Raumordnung unter der Ägide von Prof. Rudolf Wurzer als Aufbaustudium eingerichtet. Die reguläre Studiendauer war mit 6 Semestern der Studienabschluß als Dipl.-Ing. vorgesehen. Als Studienvoraussetzung galt ein erfolgreich absolvierter erster Studienabschnitt (1. Staatsprüfung) aus folgenden Studienrichtungen verschiedener Universitäten:

-Architektur
-Bauingenieurwesen
-Vermessungswesen
-Landwirtschaft
-Geographie
-Kulturtechnik
-Welthandel
-etc.

Aber auch fertige Juristen oder Absolventen des Generalstabskurses der Theresianischen Militärakademie (Militärgeographen) waren zum Studium zugelassen.

Der Beginn dieses neuen Studiums gestaltete sich damals so, daß als einzige Information darüber im 4. Stock der TH Wien am Gang vor dem Institut für Städtebau, Raumplanung und Raumordnung (Lehrkanzel Prof. Wurzer) ein Zettel angeschlagen war, der über das Studium informierte und zur Inskription einlud. Ca. 30 Studenten folgten diesem Aufruf und begannen mit dieser neuen, vielversprechenden Studienrichtung. In den neu adaptierten Räumen des Hauses Karlsgasse 13 erlebten diese Pioniere und auch die folgenden Jahrgänge, in familiärem Rahmen einen intensiven und - von den überwiegend externen, aus der Praxis kommenden Vortragenden - hervorragend betreuten Vorlesungs- und Übungsbetrieb.

Und planmäßige 6 Semester später - im Sommer 1973 - haben dann die ersten rd. 25 Absolventen das neue Studium erfolgreich abgeschlossen.

Zur historischen Einordnung seien einige Daten aus diesem Jahr 1973 dargestellt: der Sommer war sehr schön und warm, der Benzinpreis niedrig (2,30 öS), der Ölschock lag noch in weiter Ferne. Bruno Kreisky führte die Bundesregierung und über Marchegg erfolgte die Auswanderung russischer Juden über Österreich nach Israel. In Wien gab es noch keine U-Bahn, keine Donauinsel (statt dessen ein Inundationsgebiet) und die Kärnterstraße und der Graben waren für den Individualverkehr offen. In Graz gab es weder Murinsel noch Kunsthalle, und Steyr-Daimler-Puch produzierte fleissig auch ohne Magna vor sich hin. Die Mur-Mürz-Furche boomte wie die VOEST in Linz, wenngleich verstaatlicht und mit horrenden Verlusten. In Nieder- und Oberösterreich, Burgenland, Steiermark und Kärnten war der Eiserne Vorhang zum Ostblock dicht und eine wirtschaftliche Entwicklung in den Grenzregionen noch völlig undenkbar. Als Telefon haben wir Festnetz-¼-Anschlüsse benützt, Internet und Handy waren noch lange nicht erfunden. Aber auch ohne GPS und Navi haben wir uns mit Hilfe von analogen Landkarten hervorragend orientieren können. Europäische Ideen waren im Rahmen der EWG erst im Aufbau, die gleichnamige Fernsehsendung (schwarz-weiß) zählte zu den beliebtesten. Und bei jedem Grenzübertritt in den Westen Europas - nach Osten kam man nur sehr beschwerlich und selten - war Geldumtausch zwingend notwendig.

Und was wurde aus den Absolventen dieses ersten Studienjahrganges (Stand 2013)?

6 Ziviltechniker, mit der erst 1979 geschaffenen Befugnis „Ingenieurkonsulent für Raumplanung und Raumordnung“
2 Generäle des österr. Bundesheeres
2 Abteilungsleiter in Arbeiterkammern (Tirol, Wien)
2 Hofräte in Landesregierungen (Salzburg, Niederösterreich)
1 Landesumweltanwalt (Tirol)
1 Senatsrat (Stadtplanung Salzburg)
1 Stadtplaner (Innsbruck)
1 Planungsdirektor (Wien)
1 Abteilungsleiterin der Wirtschaftskammer, Landtagsabgeordnete und Stadträtin (Wien)
1 Rektoratsmitarbeiterin (TU Wien)
1 Stadtplaner (Karlsruhe)
1 Nationalparkdirektor (Niederösterreich)
1 Architekturkritiker (Jan Tabor, Wien)
1 Landschaftsplanerin (Wien)
1 Ministerialrat (Griechenland)
1 Ministerialrat (Rechnungshof Wien)

Fürwahr, ein ansehnliches Ergebnis des ersten Jahrganges.

Und dabei war der Start in das Berufsleben 1973 für uns alle nicht so einfach. Während des Studiums wurden wir subtil darauf vorbereitet, daß nach uns Raumplanern der Markt ein dringendes Bedürfnis hätte und die Welt nur noch auf uns warten würde. Die Realität sah anders aus: die Öffentlichkeit konnte mit dem Begriff Raumplanung nichts anfangen („ah Raumplaner sind Sie, mein Neffe ist auch beim Umdasch im Ladenbau“), die Verwaltung hatte keinen Bedarf, geschweige denn Planstellen und die wenigen Architekten, die auf diesem Gebiet schon bisher (nebenberuflich) tätig waren, versuchten alles, um unsere Aufnahme in die Ingenieurkammer zu verhindern.

Aber - wie die obige Liste zeigt - haben sich die Raumplaner dank ihrer guten Ausbildung an der TH (TU) Wien letztendlich doch durchsetzen können.