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50 JAHRE RAUMPLANUNGSSTUDIUM TU WIEN, II

Do, 26. November 2020
Raumplaner und ihre Expertisen - glaubt man daran?
Beitrag von L. Paula
Ein Bericht über Planungserfolge und -niederlagen aus der Praxis


1.Sine sole sileo

Die beste Expertise ist jene, die man für sich alleine macht. Man kann völlig unbeeinflußt der hehren Wissenschaft frönen und braucht sich nicht um die praktische Umsetzung, geschweige denn die gesellschaftliche und/oder politische Akzeptanz zu kümmern. Dazu braucht man nur vermögende Eltern gehabt zu haben und kann hervorragend als Privatgelehrter vor sich hin forschen und publizieren. Niemand widerspricht einem und man braucht sich z.B. nicht einer erregten Menge bei einer Bürgerversammlung stellen. Manche haben auch einen schönen Nischenplatz an einer Hohen Schule ergattert und können dort unbehelligt vor sich hinforschen.

Der gewöhnliche Raumplaner braucht hingegen auch die Sonne zum Leben. Und wenn er Glück hat, geht sie ihm schon zu Beginn seines Berufslebens auf. Dazu sind etwa mehrere Zufälle hilfreich, die zeitlich aufeinander abgestimmt vorkommen müssen:

-ein hoher Planungsbeamter
-ein aufstrebender Kommunalpolitiker
-eine von diesem „politisch umgedrehte“ Gemeinde
-ein ehrgeiziger, junger Raumplaner

Folgende Interessen treffen hier aufeinander: der Politiker braucht rasch einen spektakulären Erfolg in der Ortsentwicklung - ein neues „Gemeindezentrum“ muß her. Der Beamte verfügt über die Fördertöpfe dazu und will seinerseits eine Änderung der Bauordnung durchsetzen. Daher ist er an einer Vertiefung der Kontakte zum Politiker bemüht, sitzt jener doch in dem dafür zuständigen Landtagsausschuß. Ein junger Planer ist schnell gefunden und soll in beider Auftrag ein Konzept für das neue Gemeindezentrum entwickeln.

Unter diesen günstigen Voraussetzungen entsteht eine schlaue Planung, sie wird ausgiebig und öffentlich präsentiert, diskutiert, akzeptiert - und dann, nach diesem Erfolg, schlußendlich schubladisiert.
ABER: es haben alle Beteiligten den von ihnen angestrebten Triumph zu verbuchen gehabt und für den jungen Planer war es der Beginn seiner Karriere. Die Sache selbst - die Expertise - war offensichtlich nur das Mittel zum Zweck für alle Interessenten und daher nicht per se gut oder schlecht bzw. auch nicht richtig oder falsch.

Daß 25 Jahre später in derselben Gemeinde eine neue Studie über dasselbe Projekt „Gemeindezentrum“ mit anderen handelnden Politikern und anderen Experten sinngemäß dasselbe fachliche Ergebnis wie ursprünglich brachte, spricht nicht für die fehlende Qualität der ersten Expertise, sondern nur für die Strahlkraft der späteren Sonne.


2.Veritas filia temporis

Manche Experten, Gutachter und Sachverständige sind zutiefst überzeugt davon, daß nur sie die wahre Lösung für ein Problem wüssten und somit die einzig mögliche Raumordnung vertreten würden. Sie lehnen es ab, Raumplanung als Bestandteil der jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten zu verstehen. Ihre Fachmeinung ist für alle Zeiten die absolut richtige Wahrheit und ihr Credo lautet: „Darüber darf man nicht die Mehrheit bestimmen lassen, denn wir wissen es besser“.

Doch schon Karl Kraus hat gewußt, daß die Wahrheit eine Tochter der Zeit ist. Dem Raumplaner verlangt diese Weisheit eine gehörige Portion planerischer Demut ab.

Ein Beispiel a) „Kraftwerk I“ diene zur Erläuterung dessen. Man nehme:

-ein geplantes Flußkraftwerk
-die veröffentliche Meinung dazu (damals natürlich dagegen)
-ein neues UVP-Gesetz ante portas
-Politiker auf Tauchstation bzw. sicherheitshalber ohne Meinung
-Gutachter in neuen, noch ungewohnten Aufgaben und Rollen

In den damals erstellten Expertisen zum beabsichtigten Projekt wurde mehrheitlich der „ökologische Wahnsinn“  dieses Kraftwerkes verteufelt, die Zerstörung der „letzten“ heilen Landschaft beklagt und überhaupt die Notwendigkeit desselben in Zweifel gezogen. ABER:  unter den vielen Expertisen fand ein Gutachter auch positive Aspekte des geplanten Projektes, wie folgendes Zitat zeigt:
„… das Projekt ist deshalb umweltverträglich, weil durch die 6-wöchige Sperre der Praterbrücke die Autofahrer gezwungen werden, auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen und damit eine Verhaltensänderung herbeigeführt werden kann …“

Und heute? Das Donaukraftwerk Freudenau gilt auch international als Musterbeispiel ökologisch optimierter Planung und als nachhaltiges Projekt, das die Energiewende mit erneuerbarer Energiegewinnung unterstützt.
Nur nebenbei: die Praterbrücke wurde nicht gesperrt wie begutachtet, weil neue Baumethoden zum Einsatz kamen. Der Modal-split hat sich trotzdem weiter zugunsten des Öffentlichen Verkehrs entwickelt, - allerdings nicht wegen des damals angefeindeten Kraftwerks, sondern wegen des U-Bahn-Ausbaues und der in Wien eingeführten Parkraumbewirtschaftung.

Die Wahrheit ist eben immer eine Tochter der Zeit …

Ein weiteres Beispiel b) „Kraftwerk II“ möge dies an Hand geänderter Wertvorstellungen bei der Flächenwidmung zeigen:

In Österreich waren in den 60er/70er-Jahren des 20. Jhdt. zwei Standorte für die Errichtung von Atomkraftwerken an der Donau vorgesehen. Auf Grund des allgemein akzeptierten Standes der damaligen Raumplanung wurden die entsprechenden Flächenwidmungen in den Orten Stein (bei St. Pantaleon, NÖ) und Zwentendorf (NÖ) vorgenommen. Beide Widmungen wurden rechtskräftig und waren auch nach der Abstimmung gegen die Inbetriebnahme des fertiggebauten Atomkraftwerkes Zwentendorf 1978 noch einige Zeit weiter in Kraft.

Einige Dezennien später und nach den Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima zeigte sich, daß damals als richtig akzeptierte Planungsansätze heute allgemein als falsche Weltanschauungen, Planungen und Expertisen gesehen werden.

Die Wahrheit ist eben immer eine Tochter der Zeit …, aber damit muß ein Raumplaner auch erst einmal umgehen können.

Beispiel c) „Ortsbild“ zeigt schön, daß auch der Gesetzgeber nicht vor sich ändernden Wahrheiten gefeit ist:

In der Bauordnung eines österreichischen Bundeslandes waren Regelungen zur Ortsbildgestaltung enthalten, die auf eine „harmonische Einfügung eines neuen Bauwerkes in den Umgebungsbereich“ abzielten. Nachvollziehbare und exakte Kriterien zur Anwendung dieser Gesetzesbestimmung fehlten jedoch. Rd. 80 % aller Bauvorhaben wurden ohne besondere Beachtung dieser Bestimmung durchgeführt, aber - vor allem, wenn böse Nachbarn Einspruch erhoben - musste vom Raumplaner in einem aufwendigen Gutachten diese „harmonische Einfügung“ schlüssig und meist sehr kreativ für die Baubehörde nachgewiesen werden. Die Kosten hiefür trafen insbesondere die Wohnbauträger, da diese meist höher und dichter als die dörfliche Umgebung bauen wollten und somit auf entsprechende Gutachten angewiesen waren. Dies fiel wiederum den Politikern unangenehm auf, sind diese doch manchmal den Wohnbauträgern verbunden. Der Politik wurde es daher mit ihrem eigenen Gesetz zu bunt und es folgten mehrere Novellen des Ortsbildparagraphen, sodaß heute kaum mehr Widersprüche zum Ortsbild gefunden werden können.

So kam es dazu, daß innerhalb weniger Monate die Bauordnung dieses Bundeslandes zweimal geändert wurde. Und die Richtigkeit, der Erfolg oder das Versagen der raumplanerischen Expertise hing somit ausschließlich vom Einreichdatum des zu beurteilenden Bauvorhabens ab.

Die Wahrheit ist eben immer eine Tochter der Zeit, die sich hier innerhalb weniger Wochen fundamental verändern konnte …


Einen weiteren trefflichen Nachweis für geänderte und unterschiedliche Wahrheiten in der Raumplanung, die davon abhängen, wo man sich mit einem Projekt auseinander zu setzen hat,  liefert das  Beispiel d) „Einkaufszentren“:

Wir sind zwar alle heilfroh, daß die Hausfrau und Mutter nicht mehr täglich mit der Milchkanne zur Milchfrau pilgern muß, um frische Milch zu holen. Sinngemäß gilt dies für den Bäcker, den Fleischer und den Gemüsehändler. Zugleich sind wir aber alle erbitterte Gegner von Konsumtempeln auf der grünen Wiese, die zwar die Ortskerne veröden, wie behauptet wird, aber doch den täglichen Einkauf wesentlich erleichtern. Allerdings gelten in Abhängigkeit davon, wo wir wohnen bzw. arbeiten jeweils andere Wahrheiten zur Regelung bzw. Steuerung und/oder Verhinderung dieser Einkaufszentren (EKZ) durch die Raumplanung.  

Abgesehen von den unterschiedlichen Bestimmungen der Bundesländer über die max. zulässigen Verkaufs-, Handels- oder Geschäftsflächen wird auch die Genehmigungspflicht jeweils anders geregelt. In Wien beispielsweise legt der Bebauungsplan auf Grund einer Raumverträglichkeitserklärung Art und Größe eines EKZ fest. Im Burgenland gibt es Einzelgenehmigungen der Landesregierung für größere Handelsbetriebe, in Niederösterreich ist die Widmung B-EZ aus dem Raumordnungsgesetz verschwunden. Dafür darf man jetzt in sogenannten Zentrumszonen, die im Flächenwidmungsplan ausgewiesen werden müssen, die gewachsenen Strukturen ohne Flächenbeschränkung zerstören. Salzburg hat ein eigenes Raumordnungsprogramm für die EKZ und die Steiermark verfügt im Raumordnungsgesetz über schlaue Ausnahmemöglichkeiten dazu.

Und im jedem Bundesland wird die eigene Regelung als die einzig wahre angesehen …

Wie bereits erwähnt, die Wahrheit ist eben immer eine Tochter der Zeit.


3.Usus tyrannus

Die Macht der Gewohnheit entbindet einen Planer nicht der Selbstkritik. Man sollte sich hüten, fremde Expertisen vorab zu verurteilen, auch wenn sie einem nicht in den Kram passen, den eigenen vorgefertigten Meinungen widersprechen oder aus sonstigen Gründen unbequem sind. Die Beurteilung gut, schlecht, falsch bzw. Planungserfolg oder Planungsversagen wird insonderheit dann zu leicht gefällt, wenn es sich um Expertisen des jeweils Anderen handelt. Noch dazu, wo die oben angeführten Kriterien nichts über die Richtigkeit oder Wahrheit (siehe Karl Kraus) der jeweiligen Planung aussagen …

Schwer genug hat es aber auch der Expertisenersteller selbst. Er sollte nie aus den Augen verlieren, daß es zu einer bestimmten Fragestellung oder einem Problem nicht nur eine Vielzahl von Lösungen, sondern auch ebenso viele unterschiedliche Beurteilungs-möglichkeiten gibt.

Jedoch: aus diesen anderen Meinungen einen persönlichen Angriff auf die eigene Expertenpersönlichkeit abzuleiten, entspricht leider der dem Menschen innewohnenden Macht der Gewohnheit. „Erfolgreiche“ Planer berücksichtigen dies.


4.Ergreif‘ diesen Tag, nimmer traue dem Nächsten …

… sagte Horaz.

Und daher sollten sich Raumplaner nicht in Spekulationen über Planungserfolge oder Planungsversagen ergehen, sondern stets dessen eingedenk sein:

-die eigenen Expertisen grundsätzlich so hoch als möglich antragen,
-sie aber gerade deshalb nur als relativ wahr ansehen,
-fremde Expertisen nicht immer schon auf Verdacht geringschätzen,
-und immer dessen gewahr sein, daß das Ablaufdatum jeder Expertise „mit dem auf ihre Kundmachung folgenden Tag“  bereits begonnen hat.